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Originalveröffentlichung

Tom Fritz, Lydia Schneider, and Arno Villringer, "The Band Effect – Physically strenuous music making increases aesthetic appreciation of music," Frontiers in Neuroscience 10, 448 (2016).

Pressemeldung

Der Band-Effekt: Wenn Großväter plötzlich Drum and Bass genießen

27. Februar 2017

Viele Musiker kennen dieses Phänomen: Sie empfinden ihre Musik in dem Moment, in dem sie sie selbst produzieren, schöner als im Nachhinein, wenn sie sich das gleiche Stück noch einmal anhören. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften haben nun herausgefunden, was dahintersteckt. Ihre Erkenntnisse können nicht nur helfen, Menschen den Zugang zu neuen Musikstilen zu eröffnen, sondern auch Musiktherapien noch erfolgreicher zu machen.
Sobald wir Musik selbst aktiv erzeugen statt sie nur passiv zu konsumieren, verändert sich unser ästhetisches Empfinden gegenüber dieser Musik oft grundlegend - und wir lassen uns auch von bisher veschmähten Musikrichtungen begeistern. © MPI CBS<em><br /></em> Bild vergrößern
Sobald wir Musik selbst aktiv erzeugen statt sie nur passiv zu konsumieren, verändert sich unser ästhetisches Empfinden gegenüber dieser Musik oft grundlegend - und wir lassen uns auch von bisher veschmähten Musikrichtungen begeistern. © MPI CBS
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Bisher war man davon ausgegangen, dass Musik nur als schön empfunden wird, wenn sie dem eigenen persönlichen Geschmack entspricht. Wer eher auf die härteren Töne von Metal Musik steht, kann sich kaum für die leichteren Melodien von Schlagern begeistern. Wer sich am liebsten den Klängen italienischer Opern hingibt, kann den monotoneren Bässen von elektronischer Musik nichts abgewinnen.

Dass dieses Empfinden jedoch stark davon abhängt, in welcher Form wir Musik erleben, haben nun Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig gezeigt: „Wir beobachteten immer wieder, dass Großväter mit ihren Enkeln elektronische Musik wie Drum and Bass total genießen, obwohl sie mit dieser Richtung sonst gar nichts am Hut haben“, so Thomas H. Fritz vom MPI CBS. „Sobald sie Musik selbst aktiv erzeugen statt sie nur passiv zu konsumieren, verändert sich ihr ästhetisches Empfinden gegenüber anderen Musikstilen oft grundlegend.“

Besonders stark ist dieser Effekt beim Jymmin zu erleben, einer Methode, deren Name sich aus einer Kombination aus „jamming“ und „gym“ ableitet, also einer Mischung aus freiem musikalischen Improvisieren und Sport. Dabei werden Fitnessgeräte so modifiziert, dass über die daran ausgeführte Sportübung Musik erzeugt werden kann. Über die Stärke der Bewegung per Bauchmuskeltrainer, Zugstange oder Stepper lassen sich dann die einzelnen Töne erzeugen und modifizieren. Sportgeräte können so mit Hilfe einer speziellen, am Leipziger Max-Planck-Institut entwickelten Kompositionssoftware wie Musikinstrumente genutzt werden. „Damit können plötzlich auch Personen, die sich selbst als vollkommen unmusikalisch einschätzen und noch nie in ihrem Leben ein Musikinstrument in der Hand gehalten, Musik machen“, erklärt Fritz, der vor vier Jahren das erste Mal von dieser Methode berichtete. „Geschieht das in Kombination mit körperlicher Verausgabung, so lässt sich ein positiver Verzerrungseffekt beobachten.“ Das heißt, die Personen empfinden die Musik plötzlich als wesentlich schöner und erfahren einen Belohnungseffekt, sobald sie sie selbst produzieren - selbst wenn der Musikstil bisher nicht ihrem eigenen ästhetischen Empfinden entsprach.

Diese Beobachtungen könnten auch erklären, warum Musiker ihre eigene Performance durch die körperliche Verausgabung ästhetisch befriedigender empfinden als wenn sie ihr lediglich lauschen. Die Neurowissenschaftler um Fritz sprechen daher auch vom Band-Effekt, in dem zusätzlich auch das  gemeinsame Musizieren eine entscheidende Rolle spielt.

„Durch unsere Erkenntnisse lässt sich nun Musik als Therapiemethode deutlich breiter und einfacher anwenden“, so der Professor für empirische Musikforschung. Dass insbesondere das Jymmin die persönliche Motivation und Stimmung steigert und vielerlei andere positive psychologische Effekte hervorruft, konnte bereits in vorherigen Studien belegt werden. Bislang waren jedoch Fritz und sein Team davon ausgegangen, dass es deutlich individualisiert, das heißt auf den persönlichen Musikgeschmack angepasst werden müsse, um auch für breite Patientenkreise genutzt werden zu können.

Heute wissen sie, dass das überflüssig ist: „Wir haben diese Studie an Patienten mit Drogensucht oder chronischen Schmerzen durchgeführt. Also Patientengruppen, die sich sonst an allem stören und sehr leicht reizbar sind“, erklärt der Kognitionswissenschaftler. „Indem sie sich hier selbst so stark körperlich einbringen können, um die Musik zu erzeugen, wird jedoch der eigentliche Stil nachrangig.“ Stattdessen erlebten sie plötzlich ihre eigene Handlungsmacht, Klänge selbst erzeugen und verändern können. Dadurch werde nicht nur ihr eigenes Körpererleben enorm gesteigert, sondern auch ihre Toleranz gegenüber bisher verschmähten Musikrichtungen. „Das eröffnet uns die Möglichkeit, in Zukunft auch mehr auf Musiktherapien in Gruppen zu setzen.“

Das Interessante dabei: In dem Moment fällt auch die Scheu, die Menschen sonst häufig vor einer Musiktherapie haben. Denn das Jymmin gibt den Musizierenden nur wenige Freiheitsgrade, sodass der Einzelne nichts falsch machen kann – und dennoch eine besondere ästhetische Erfahrung hat.          

Doch wie lässt sich der Band-Effekt erklären? Frühere psychologische Studien haben gezeigt, dass Eigenengagement die subjektiv empfundene Qualität einer Sache erhöht. Da Jymmin und Musizieren auf einem echten Instrument einen hohen körperlichen Einsatz erfordern, vermuten die Neurowissenschaftler, dass sich damit auch die ästhetische Wertschätzung der Agierenden gegenüber der dabei gehörten Musik erhöht.

 
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