Erinnerungen an die Zukunft

Forschungsbericht (importiert) 2019 - Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften

Autoren
Benoit, Roland
Abteilungen
Max-Planck-Forschungsgruppe „Adaptives Gedächtnis“
Zusammenfassung
Wir Menschen stecken nicht im Hier und Jetzt fest: Dank unseres Gedächtnisses erleben wir längst vergangene Ereignisse lebhaft wieder. Das Gedächtnis dient aber nicht nur der Erinnerung. Mit seiner Hilfe können wir uns auch zukünftige Ereignisse ganz so vorstellen, als würden wir sie gerade erleben. Wir sind also imstande, auf mentale Zeitreisen zu gehen. Dadurch treffen wir bisweilen bessere Entscheidungen. Und wir lernen sogar aus solchen Vorstellungen, als hätten wir das Vorgestellte tatsächlich erlebt.

Auf mentaler Zeitreise

Bittet man Studienteilnehmerinnen und -teilnehmer im Magnetresonanztomografen (MRT-Scanner), sich sowohl an Vergangenes zu erinnern als auch Zukünftiges vorzustellen, so ist in beiden Fällen im Wesentlichen das gleiche Netzwerk von Gehirnregionen aktiv. Ein ähnliches Bild entsteht, wenn man sich die Folgen von Schädigungen bestimmter Teile dieses Netzwerks anschaut: Sie beeinträchtigen nicht nur unsere Erinnerungsleistung, sondern machen auch Vorstellungen von neuen Ereignissen unmöglich. Diese Befunde legen nahe, dass unsere Zukunftsvorstellungen ganz entscheidend auf unseren Erinnerungen beruhen.

Unser Gedächtnis liefert gewissermaßen die Bruchstücke aus verschiedenen vergangenen Erlebnissen, aus denen unsere Vorstellung neue Episoden zusammenbaut. Zum Beispiel kann ich mir basierend auf meinen Erinnerungen an verschiedene Aufenthalte in den Bergen ausmalen, wie es wohl wäre, den Mont Blanc zu besteigen. Das Gedächtnis ist somit keine rein rückwärtsgewandte, sondern vielmehr eine vorausschauende Fähigkeit unseres Gehirns. Diese erlaubt es uns, für die Zukunft zu planen – etwa, welche Ausrüstung ich zum Bergsteigen mitnehmen sollte. Insbesondere vermittelt sie auch das Gefühl, das sich beim Erleben einer potenziell neuen Situation einstellen würde – etwa das Glücksgefühl beim Erreichen des Gipfels.

In früheren Studien haben wir bereits gezeigt, wie diese vorgestellte Zukunft uns helfen kann, bessere Entscheidungen zu treffen. Es wird wahrscheinlicher, dass wir auf eine kurzfristige Belohnung verzichten (etwa den Genuss eines Schokoladenkuchens), wenn wir uns vorstellen, was uns stattdessen langfristig Lohnenswerteres winkt (etwa beim nächsten Stadtlauf in Form zu sein). Unsere neuesten Untersuchungen zeigen zudem, dass wir aus solchen reinen Zukunftsvorstellungen sogar lernen – ganz so wie aus tatsächlichen Erlebnissen.

Wie wir durch Zukunftsvorstellungen lernen

So gibt es zum Beispiel die Orte, mit denen uns mit einem Mal etwas verbindet – etwa die unscheinbare Straßenecke, an der man zum ersten Mal geküsst wurde. Vorher haben wir diese Orte nicht einmal bemerkt, aber durch besondere Erlebnisse mit geliebten Menschen überträgt das Gehirn positive Emotionen auf sie. Unsere Einstellung gegenüber diesen Orten ändert sich: Sie werden besonders wertvoll für uns. In einer neuen Studie mit einem Kollegen der Harvard University haben wir die Idee getestet, dass solche Bewertungen sich nicht nur durch wirklich Erlebtes, sondern auch durch reine Vorstellungen beeinflussen lassen.

Wir ließen unsere Studienteilnehmer zunächst Personen benennen, die sie sehr mögen und außerdem solche, die sie überhaupt nicht mögen. Zusätzlich wurden sie nach Orten gefragt, die sie als eher neutral einordnen. Als die Probanden später im MRT-Scanner lagen, stellten sie sich lebhaft vor, wie sie in der Zukunft Zeit mit der sehr gemochten Person an einem dieser neutralen Orte verbringen. In ihrer Vorstellung sollten sie außerdem mit dieser Person interagieren. Ich könnte mir also vorstellen, wie ich mit meiner Tochter im Fahrstuhl unseres Instituts bin und sie ungestüm auf alle Knöpfe drückt. Dann fahren wir ins obere Stockwerk, wo ich aussteigen würde, um ihr die Terrasse zu zeigen.

Abb. 1: Im Experiment wurden geliebte Personen mit neutralen Orten in Verbindung gebracht. Die Gehirne der Probandinnen und Probanden wurden während des Experiments im Magnetresonanztomografen gescannt. Die Grafik zeigt die Ergebnisse: A) Vorstellungen beeinflussen, wie sehr wir Orte aus unserem täglichen Umfeld mögen, wie wir sie also bewerten. Werden neutrale Orte experimentell mit der Vorstellung von geliebten Personen verbunden, werden sie anschließend positiver bewertet. B) Die Aktivität im ventromedialen präfrontalen Kortex größer, wenn sich die Bewertungen stärker zum Positiven hin verändern.

Nach dem Scannen konnten wir durch erneute Tests herausfinden, dass sich die Einstellung der Studienteilnehmer den Orten gegenüber verändert hatte: Sie mochten die vorher neutral bewerteten Orte lieber als am Anfang. Wir haben diesen Effekt zunächst mit Studienteilnehmern in Cambridge beobachtet und konnten ihn später in Leipzig erneut zeigen. Nur durch die reine Vorstellung eines Treffens mit einer geliebten Person an einem bestimmten Ort kann sich der emotionale Wert, den diese Person für uns besitzt, auf den Ort übertragen. Wir lernen damit in derselben Weise, als hätten wir das vorgestellte Ereignis tatsächlich erlebt.

Mit den MRT-Daten konnten wir zeigen, wie dieser Mechanismus im Gehirn funktioniert. Eine wichtige Rolle spielt dabei eine Region im vorderen Hirnbereich, der ventromediale präfrontale Kortex. Wir vermuteten, dass in dieser Region Repräsentationen unserer Umwelt gebündelt und zu einem Gesamtbild zusammengefasst werden. Zum Beispiel gäbe es dort eine Repräsentation mit Informationen über meine Tochter: wie sie aussieht, wie ihre Stimme klingt, wie sie in bestimmten Situationen reagiert. Unsere Ergebnisse sprechen für diese Hypothese.

Diese Repräsentationen enthalten auch eine Bewertung – zum Beispiel, wie wichtig meine Tochter für mich ist und wie sehr ich sie mag. Wenn die Probanden an eine Person gedacht haben, die sie lieber mochten als eine andere Person, sahen wir in dieser Region Anzeichen verstärkter Aktivität. Wenn ich mir nun meine Tochter im Aufzug vorstelle, wird im ventromedialen präfrontalen Kortex sowohl ihre Repräsentation als auch die des Aufzugs aktiv. Hierdurch kann es zu Verknüpfungen zwischen diesen Repräsentationen kommen – der positive Wert der Person wird dabei auf den vorher neutralen Ort übertragen.

Tragen Vorstellungen zur Entstehung psychischer Störungen bei?

So wie wir uns an Vergangenes erinnern, können wir uns also auch die Zukunft vorstellen – beides beruht auf ähnlichen Prozessen im Gehirn. Diese Fähigkeit zur mentalen Zeitreise hat große Vorteile bei der Entscheidungsfindung und kann uns auch helfen, Risiken zu vermeiden.

In einem weiteren Forschungsschritt werden wir uns auch mit der Kraft negativer Gedanken befassen. Genau wie reine Vorstellungen dazu führen, dass Dinge positiver bewertet werden, könnte dieser Mechanismus auch umgekehrt wirken. Welche Bedeutung hätte dies etwa für Menschen, die unter einer Depression leiden? Erschaffen diese ein negatives Bild von der Welt, indem sie eigentlich neutrale Dinge durch negative Gedanken abwerten? Solche Fragen werden wir hoffentlich bald beantworten können.

Literaturhinweise

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Hassabis, D.; Kumaran, D.; Vann, S. D.; Maguire, E. A.
Patients with hippocampal amnesia cannot imagine new experiences
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Daniel, T. O.; Stanton, C. M.; Epstein, L. H.
The future is now: Reducing impulsivity and energy intake using episodic future thinking
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Schacter, D. L. ; Benoit, R. G. ; Szpunar, K. K.  
Episodic future thinking: Mechanisms and functions
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4.
Benoit, R. G. ; Paulus, P. C.; Schacter, D. L.
Forming attitudes via neural activity supporting affective episodic simulations
Nature Communications 10 (1), 2215 (2019)
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