Otto-Hahn-Medaille für Meike Hettwer und Joëlle Schroën
Bei der Jahresversammlung der MPG am 18. Juni 2026 wurde die Otto-Hahn-Medaille vergeben -
für herausragende wissenschaftliche Leistungen, die im Zusammenhang mit der Doktorarbeit erbracht wurden. In diesem Jahr erhielten Meike Hettwer aus der Forschungsgruppe Kognitive Neurogenetik und Joëlle Schroën aus der Abteilung Neuropsychologie vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) zwei der begehrten Auszeichnungen. Hier beantworten sie im Kurzinterview drei Fragen zu ihrer Forschung.
Ihre Dissertation wurde gerade mit der Otto-Hahn-Medaille ausgezeichnet. Was macht Ihre Arbeit so besonders?
Meike Hettwer:
Meine Doktorarbeit untersucht eine zentrale Frage der Psychiatrieforschung: Warum sind in so vielen psychiatrischen Erkrankungen ähnliche Hirnnetzwerke betroffen, und wann und wo sind sie besonders anfällig für pathologische Veränderungen? Um diese Frage zu beantworten, habe ich zwei Perspektiven miteinander verbunden. Erstens habe ich große internationale Datensätze genutzt, um eine Art „Landkarte“ von Hirnveränderungen bei psychischen Erkrankungen zu erstellen. Dabei konnte ich zeigen, dass diese Veränderungen nicht zufällig auftreten, sondern durch grundlegende Eigenschaften der Hirnorganisation beeinflusst werden, z.B. Netzwerk– und Zytoarchitektur. Zweitens habe ich untersucht, wie sich die Anfälligkeit für psychische Erkrankungen bereits während der Jugend entwickelt. Dazu habe ich Bildgebungsdaten von Jugendlichen analysiert, die belastenden Umweltfaktoren wie Traumata oder schwierigen Familienverhältnisse ausgesetzt waren. Besonders interessant war, dass Jugendliche, die trotz solcher Belastungen psychisch gesund blieben, andere Entwicklungsverläufe in der Mikrostruktur des Kortex zeigten als Jugendliche, die unter ähnlicher Stressbelastung psychische Symptome entwickelten. Kurzum gibt uns die Kombination dieser beiden Ansätze Einsichten in die räumliche und zeitliche Organisation erhöhter Anfälligkeit für psychopathologische Hirnveränderungen. Das hilft uns nicht nur, die biologischen Grundlagen psychischer Erkrankungen besser zu verstehen, sondern könnte langfristig auch dazu beitragen, Risikogruppen früher zu erkennen und Unterstützungsangebote gezielter und zum richtigen Zeitpunkt einzusetzen.
Joëlle Schroën:
Meine Doktorarbeit beschäftigt sich mit einer Frage, die eigentlich jeden von uns betrifft: Wie versteht unser Gehirn Sprache?
Bisher haben viele Forschende dafür sogenannte Läsionsstudien genutzt. Dabei untersucht man Menschen mit Hirnschädigungen. Solche Studien zeigen sehr gut, welche Hirnregionen für das Sprachverstehen wichtig sind. Was sie aber nicht zeigen können, ist wann genau diese Regionen währen des Verstehens aktiv werden und welche Rolle sie in diesem Moment spielen.
Genau diese Lücke wollte ich schließen. Dafür habe ich zwei neurowissenschaftliche Methoden kombiniert: TMS und EEG. Damit kann ich nicht nur verstehen wo im Gehirn etwas passiert, sondern auch wann es passiert, und sogar testen, ob eine bestimmte Hirnregion tatsächlich ursächlich am Verstehen beteiligt ist.
So bekommen wir ein viel vollständigeres Bild davon, wie unser Gehirn Bedeutung verarbeitet.
Was ist Ihre Motivation, sich genau mit diesem Thema zu beschäftigen?
Meike Hettwer:
Wenn man sich die neurobiologische Forschung zu psychiatrischen Erkrankungen anschaut, stößt man relativ schnell auf einige Schwierigkeiten, denn die Grenzen zwischen verschiedenen Diagnosen (z.B. Angststörung und Depressionen) verlaufen oft unscharf. Viele PatientInnen bekommen über die Jahre hinweg mehrere verschiedene Diagnosen, und viele Symptome (z.B. Schlafprobleme) sind mit mehreren Diagnosen gleichzeitig assoziiert, also unspezifisch. Mich interessiert besonders, inwieweit diese Phänomene mit Ähnlichkeiten in Hirnveränderungen zusammenhängen, wobei manche Hirnregionen / Netzwerke sich als ‚generell anfällig‘ herausstellen. Hier könnte man langfristig mit integrativen Therapiestrategien ansetzen. Besonders motiviert mich aber auch das Ziel, herauszufinden, wann und wo diese Anfälligkeit besonders ausgeprägt ist und am meisten von Interventionen profitieren könnte. Ein Gedanke ist, dass die verschiedenen Hirnnetzwerke in unterschiedlichen Entwicklungsabschnitten unterschiedlich formbar sind. In diesen sogenannten ‚plastischen Phasen‘ könnten Kinder und Jugendliche nicht nur besonders anfällig gegenüber negativen Umwelteinflüssen sein, sondern auch besonders gut auf Interventionen und positive Unterstützung aus dem Familien- und Freundeskreis ansprechen.
Joëlle Schroën:
Ich finde Sprache besonders spannend, weil Sprache etwas ist, das wir jeden Tag nutzen und meistens als selbstverständlich wahrnehmen. Mich fasziniert, dass unser Gehirn aus etwas so Flüchtigem wie Schallwellen Bedeutung verstehen kann.
Wenn wir jemandem zuhören, treffen eigentlich nur Luftschwingungen auf unser Ohr. Und trotzdem verstehen wir innerhalb von Sekundenbruchteilen Wörter, Sätzen und Ideen. Dass dieser Prozess so mühelos wirkt, obwohl im Gehirn unglaublich viel passiert, finde ich erstaunlich.
Die preisgekrönte Dissertation ist in der Tasche. Was kommt als nächstes?
Meike Hettwer:
In meinem PostDoc an der University of Pennsylvania in den USA untersuche ich die mikrostrukturelle Entwicklung des Gehirns bei Jugendlichen, um zu erfassen, wann sich welche Hirnstrukturen in plastischen Phasen befinden und von Interventionen maximal profitieren könnten. Gleichzeitig führe ich Arbeit fort, die ich am MPI-CBS begonnen habe. Dabei haben wir über die letzten Jahre den größten Bildgebungsdatensatz psychiatrischer PatientInnen zusammengetragen, in dem etwa 170 Institute aus 6 Kontinenten ihre Daten mit uns geteilt haben. Mit dieser riesigen Ressource untersuche ich zurzeit hirnstrukturelle Muster von Veränderungen in psychiatrischen Erkrankungen, aber auch Variabilität/Heterogenität innerhalb von PatientInnen mit derselben Diagnose. Ziel ist es weiterhin, zu verstehen, warum und wann welche Hirnregionen besondere Anfälligkeiten aufzeigen und besonders von integrativen Präventions- und Therapieansätzen profitieren könnten.
Joëlle Schroën:
Nach meiner Promotion bin ich in meine Heimat zurückgekehrt und arbeite derzeit als Postdoktorandin an der Tilburg University. Meine Dissertation hat mir geholfen, besser zu verstehen, wie das erwachsene Gehirn Sprache verarbeitet. Daraus hat sich für mich die nächste Frage ergeben: Wie lernen Kinder eigentlich Sprache?
Kleine Kinder schaffen etwas Erstaunliches. In nur wenigen Jahren lernen sie tausende Wörter und entwickeln ein komplexes Verständnis von Bedeutung, und das oft in einem beeindruckenden Tempo. Mich interessiert, wie ihnen das gelingt und warum manche Kinder Sprache schneller erwerben als andere.














