Forschungsbericht 2025

   

Studie 1: Ab wann können Kinder die ersten Sätze verstehen?

Studie 2: Die Entwicklung hierarchischer Handlungsverarbeitung im Vorschulalter

   


Ab wann können Kinder die ersten Sätze verstehen?

Ab 12 Monaten sprechen Kinder ihre ersten Worte, ab 18 bis 24 Monaten fangen sie an, die ersten Worte zu kleinen Sätzen zu kombinieren und ab drei Jahren sprechen viele Kinder schon in ganzen Sätzen. Doch wie wir wissen, verstehen Kinder viel mehr, bevor sie selbst sprechen können. Ab wann verstehen Kinder also die ersten Sätze?

Sprache besteht nicht nur aus einzelnen und unzusammenhängenden Worten. Was die menschliche Sprache so besonders macht, ist, dass wir Worte miteinander kombinieren können. Wenn wir zum Beispiel „Guck mal, da ist eine rote Katze!“ hören, dann suchen wir nach einer Katze, die rot ist, und nicht nach einer Katze und etwas Rotem. Wir kombinieren also die Bedeutung der Wörter ‚rot‘ und ‚Katze‘ miteinander, so dass eine neue Bedeutung entsteht. Dieser Aspekt von Sprache, dass man zwei Wörter miteinander kombinieren kann, liegt jedem komplexen Satz zugrunde und bildet damit die Basis. Kinder müssen somit während des Spracherwerbs nicht nur die Bedeutung einzelner Wörter lernen, sondern auch, wie man sie miteinander kombiniert, damit sie irgendwann zu ganzen Sätzen werden. Ab ca. zwei Jahren fangen Kinder selber an, die ersten Wörter miteinander zu kombinieren, wie zum Beispiel „Ball weg“ oder „Auto fahrn“. Doch während des Spracherwerbs kommt Verständnis oft vor Produktion. Vielleicht kennen Sie das: Ihr Kind scheint schon viel mehr zu verstehen, bevor es vollständig sprechen kann. Es kann kaum „Schuhe“ sagen, aber holt schon zuverlässig die Schuhe, wenn Sie sagen, dass es jetzt auf den Spielplatz geht. Daher wollten wir herausfinden, ab wann kleine Kinder denn die ersten Sätze verstehen können.

Was haben wir untersucht?
Dafür haben wir Kinder zwischen ca. einem und drei Jahren zu uns eingeladen und ihnen kurze Zwei-Wort-Sätze wie zum Beispiel „Guck mal! Rote Katze!“ vorgespielt. Dabei haben die Kinder zum Beispiel ein Bild von einer roten Katze mit blauem Hintergrund (also die Bedeutung beider Wörter kombiniert) und daneben ein Bild von der gleichen Katze nur in blau mit rotem Hintergrund (also die Bedeutungen der einzelnen Wörter waren auf dem Bild zu sehen, aber nicht kombiniert) gezeigt. Mithilfe eines Eye Trackers konnten wir dann sehen, auf welches der beiden Bilder die Kinder mehr geguckt haben, wenn sie „Rote Katze!“ gehört haben.

Und was kam heraus?
Dabei haben wir gefunden, dass bereits einjährige Kinder eine leichte Tendenz zeigen, mehr zur roten Katze zu gucken, wenn sie ‚rote Katze‘ hören. Jedoch scheint ein robustes Verständnis der kombinierten Phrase erst ab etwa 2 Jahren zu bestehen.

Und was bedeutet das?
Die Ergebnisse zeigen, dass Kinder bereits ab einem Jahr anfangen, die ersten Zwei-Wort-Sätze zu verstehen und schon zu ihrem zweiten Geburtstag ein zuverlässiges Verständnis zeigen. Das ist früher, als die meisten Kinder anfangen, Wörter im Sprechen miteinander zu kombinieren. Denn die ersten Wort-Kombinationen sprechen Kinder zwischen 18 und 24 Monaten und diese sind noch nicht grammatikalisch korrekt (z.B. „Mama Auto“). Erst ab zwei bis zweieinhalb Jahren entstehen die ersten kleinen grammatikalisch korrekten Sätze. Unsere Studie zeigt, dass das Verständnis sich schon etwas früher entwickelt. Solche Erkenntnisse helfen, besser zu verstehen, wie Kinder Sprache lernen und ermöglichen in der Zukunft die Verbesserung von Frühdiagnosen bei Sprachverzögerungen. Bei einem Teil der 1-jährigen Kinder hatten wir zudem MRT-Aufnahmen gemacht, während sie ganz normal Mittagsschlaf bei uns machten. Aktuell untersuchen wir, welche Hirnprozesse beim Erlernen solcher Zwei-Wort-Sätze zugrunde liegen.


Die Entwicklung hierarchischer Handlungsverarbeitung im Vorschulalter

Wenn Sie Ihre Kinder beim Anziehen beobachten, haben Sie sicher schon einmal bemerkt, dass kleinere Kinder noch Schwierigkeiten haben, ihre Kleidung in der richtigen Reihenfolge anzuziehen und den Schuh beispielsweise vor der Regenhose anziehen. Sie erreichen ihr Ziel – das fertige Anziehen – nicht, während sich Vorschulkinder mühelos Schritt für Schritt in der richtigen Reihenfolge anziehen können.

Für unsere Handlungen im Alltag müssen wir verschiedene Teilhandlungen nacheinander ausführen, damit das Hauptziel einer Handlung erreicht werden kann. Die Fähigkeit zu einer solchen hierarchischen Handlungsplanung gilt als ein Meilenstein in der frühkindlichen kognitiven Entwicklung: Kinder lernen, dass Handlungsschritte nacheinander ausgeführt werden müssen, um ein übergeordnetes Ziel zu erreichen. Die einzelnen Handlungsschritte können dabei entweder flexibel aneinander gereiht werden, wenn die Reihenfolge keine Rolle spielt, oder hierarchisch aufeinander aufbauen, wenn ein Handlungsschritt abhängig ist von dem vorhergegangen Handlungsschritt. Zum Beispiel spielt es keine Rolle, ob der linke oder rechte Socken zuerst angezogen wird, aber die Socken müssen vor den Schuhen angezogen werden.

Was haben wir untersucht?
Wir haben uns gefragt, wie sich die Handlungsplanung bei Kindern im Alter von 3 bis 6 Jahren entwickelt, und welche Hirnregionen bei der Planung von Handlungen aktiviert werden. Aus Studien mit Erwachsenen wissen wir, dass dazu Hirnareale in der linken Hirnhälfte aktiviert werden, die auch für Sprache wichtig sind. Bei Kindern wurde dies noch nicht untersucht. Die Frage, welche Hirnregionen im Vorschulalter wichtig sind, ist besonders spannend, weil sich diese Fähigkeit in diesem Alter entwickelt.

Wir haben deswegen mittels funktioneller Nahinfrarotspektroskopie (kurz: fNIRS) die neuronale Aktivität bei Vorschulkindern zwischen 3 und 6 Jahren währen der Handlungsplanung in einem Bauspiel gemessen. Dabei tragen die Kinder eine Art Badekappe mit kleinen Sensoren, die die Aktivität im Gehirn messen. Das Bauspiel bestand aus einem kleinen Brett und sechs Holzblöcken, die in Größe und Form variierten sowie zwei Spielfiguren, die an beiden Enden eines kleinen Bretts platziert wurden. Die Kinder sollten die Holzblöcke so auf dem Brett platzieren, dass  Wege, Treppen und Brücken für die Prinzessin und den Prinzen entstehen, damit sie sich besuchen können. Dazu gab es verschiedene Level: In manchen Leveln spielte es keine Rolle, in welcher Reihenfolge die Blöcke auf dem Brett platziert wurden, um das Ziel zu erreichen. Bei anderen Leveln war die Reihenfolge der Blöcke wichtig, da die Blöcke hierarchisch aufeinander aufbauend platziert werden mussten.

Bevor die Kinder bauen durften, gab es in jedem Level eine Planungsphase, in der die Kinder die Aufgabe gesehen haben und sich die Lösung überlegen sollten. In dieser Phase haben wir mithilfe von fNIRS die Gehirnaktivierung der Kinder aufgezeichnet. Danach durften Kinder mit den Bauklötzen Brücken, Treppen und Flure bauen, damit der Prinz und die Prinzessin miteinander spielen können. 

Die Abbildung zeigt den Aufbau des Bauspiels aus Sicht der Kinder. Das obere Bild zeigt, dass die Blöcke in einer bestimmten Reihenfolge gestapelt werden müssen, weil jeder Schritt von dem vorherigen abhängt. Der grüne Block muss vor dem blauen Block platziert werden, damit das Level gelöst werden kann. Unten ist ein Beispiel für ein Level, bei dem die Reihenfolge des Stapelns keine Rolle spielt.

Und was kam heraus?
Unsere Ergebnisse zeigen, dass die jüngeren Kinder (bis 4,5 Jahre) bereits eine große Anzahl an Leveln lösen können, bei denen die Reihenfolge, in der die Bauklötze gebaut werden müssen, keine Rolle spielt. Sie haben aber noch Schwierigkeiten mit Leveln, bei denen die Handlungssequenzen hierarchisch aufeinander aufbauend sind, also bei denen die Reihenfolge eine wichtige Rolle spielt. Ältere Kinder schaffen es häufiger, auch diese Level zu lösen.

Die fNIRS-Messung während der Planungsphase des Bauspiels zeigt eine Aktvierung im linken prämotorischen Kortex in Abhängigkeit davon, wie komplex die Handlung ist. Der prämotorische Kortex ist vor allem für die Planung von motorischen Handlungen zuständig. Wir finden eine höhere Aktivierung in den Leveln, in denen die Blöcke hierarchisch aufeinander aufbauend platziert werden müssen, als in Leveln, in denen die Reihenfolge keine Rolle spielt. Dabei spielt auch die Fähigkeit der Kinder, komplexe Handlungsaufgaben zu lösen, eine Rolle.

Und was bedeutet das?
Unsere Forschung bietet einen spannenden Einblick in die Entwicklung von Handlungsplanung im Vorschulalter. Wie erwartet zeigte sich, dass die Kinder im Laufe des Vorschulalters das Bauspiel besser lösen können und insbesondere Fortschritte bei der Planung von hierarchisch strukturierten Handlungen machten. Dafür scheinen sie noch andere Hirnregionen zu nutzen als Erwachsene.

Zur Redakteursansicht