Wenn der Zyklus die Stresshormone verändert:
Erkenntnisse zu depressiver Stimmung vor der Periode
Depressive Stimmung, schnell wütend werden, Schlafprobleme, Angstzustände, neben sich stehen und den Alltag kaum mehr bewältigen können – all das kennen Frauen mit prämenstrueller dysphorischen Störung (PMDS), einer Krankheit mit hohem Leidensdruck für die Betroffenen. Bekannt ist, dass die Symptome zwischen Eisprung und Periode auftreten, die Ursache ist jedoch noch weitgehend ungeklärt. Nun zeigen Forschende um Julia Sacher und Kim Carina Hoffmann vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften und der Klinik für Kognitive Neurologie der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig in einer aktuellen Studie, dass Patient:innen mit PMDS in der Phase um den Eisprung herum eine abgeschwächte morgendliche Stress-Hormon-Reaktion im Gegensatz zu gesunden Frauen haben. Gemeinsam mit Kolleg:innen an der Klinik und Poliklinik für Nuklearmedizin am Universitätsklinikum Leipzig und dem Institut für Psychosoziale Medizin, Psychotherapie und Psychoonkologie am Universitätsklinikum Jena haben sie außerdem herausgefunden, dass zum Ende des Zyklus hin geringere Cortisolspitzen mit mehr depressiven Symptomen und erhöhter Serotonintransporterbindung im Mittelhirn einhergehen.
Die Erstautorin der Studie, Kim Carina Hoffmann, erklärt die Vorgehensweise: „Wir haben uns in der Studie den Zusammenhang zwischen Stress- und Serotoninsystem angeschaut. Dabei hat uns vor allem die Cortisolaufwachreaktion, also der Anstieg des Stresshormons Cortisol innerhalb der ersten Stunde nach dem Aufwachen interessiert, da diese uns auf kommende Stressoren im Alltag vorbereitet und uns bei der Regulierung von emotionalen Zuständen unterstützt. Wir konnten herausfinden, dass die Stresshormon-Spitzen um den Eisprung herum bei den Frauen mit PMDS morgens nach dem Aufwachen verringert sind. Außerdem zeigte sich in unserer Studie, dass nicht alle Menschen ihre Cortisol-Spitzen immer innerhalb der ersten 30 bis 45 Minuten nach dem Aufwachen erreichen. Bei gesunden Frauen um den Eisprung herum, tritt diese Cortisol-Spitze zum Beispiel später auf.“
In dieser umfangreichen Studie, die jetzt im British Journal of Psychiatry publiziert wurde, haben die Wissenschaftler:innen 30 Patientinnen mit PMDS und 29 gesunde Kontrollprobandinnen in zwei Zyklusphasen untersucht – einmal um den Eisprung herum und ein weiteres Mal kurz vor dem Einsetzen der Periode. Um die Zyklusphasen zu bestimmen, nutzten Frauen eine Zyklus-Tracking-App, Urin-basierte Ovulationstests und es fanden Ultraschall-Untersuchungen zur genauen Bestimmung des Eisprungs statt. In den zwei Zyklusphasen wurde Blut entnommen, um die Ovarialhormone Progesteron und Östrogen zu messen. In beiden Zyklusphasen gaben Frauen zusätzlich mehrere Speichelproben ab, es wurden bildgebende MRT und PET-Scans durchgeführt, und standardisierte Fragebögen ausgefüllt. PMDS-Symptome wurden mittels eines Fragebogens und eines diagnostischen Interviews bestimmt.
Außerdem haben die Forschenden erstmalig die komplexen Wechselwirkungen des Botenstoffs Serotonin, der die Stimmung reguliert, des Stresshormons Cortisol und dem Auftreten depressiver Symptomatik über den Zyklus hinweg bei Patientinnen mit PMDS und gesunden Frauen untersucht. Ergebnisse zeigen, dass in der prämenstruellen Phase verringerte Cortisolspitzen mit mehr depressiven Symptomen und erhöhten Serotonin-Transporter-Bindungspotenzialen einhergingen. Die verringerten Cortisolspitzen unterstreichen die Relevanz der Cortisolaufwachreaktion für die Regulation von Stimmung, während die erhöhten Serotonin-Transporter-Bindungspotenziale eine Reaktion des Gehirns auf das veränderte HPA-Gleichgewicht sein könnte, die potentiell auch die depressive Stimmung zu dieser Zeit erklären könnte, z.B. durch die darauffolgenden Verringerung der Serotoninverfügbarkeit im synaptischen Spalt.
Prof. Dr. med. Julia Sacher leitet die Forschungsgruppe „Kognitive Neuroendokrinologie“ an der Tagesklinik für Kognitive Neurologie an der Universitätsklinik Leipzig sowie der Abteilung für Neurologie am MPI CBS. Seit vielen Jahren erforscht sie PMDS intensiv. „Weltweit sind bis zu acht Prozent aller Frauen von PMDS betroffen. Obwohl die Symptome dieser Patientinnen nur an wenigen Tage im Monat auftreten, sind sie in ihrem Schweregrad mit einer schweren depressiven Episode vergleichbar. Im Laufe der reproduktiven Jahre einer Frau kann sich die kumulative Belastung auf das Äquivalent von sechs Jahren klinisch relevanter depressiver Symptome belaufen.. Unsere Ergebnisse liefern für diese Patientinnen neue Einblicke in das Zusammenspiel von Stress- und Serotoninsystem und könnten schließlich zu individuelleren Behandlungsansätzen führen. Diese Forschungsarbeit unterstreicht auch die Notwendigkeit, die aktuellen Standards zur Messung der Cortisolaufwachreaktion kritisch zu überdenken, insbesondere im Hinblick auf geschlechtsspezifische Unterschiede, Zyklusphasen und hormonelle Einflüsse.“












