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Dr. Roland G. Benoit
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Verena Müller
Verena Müller
Pressereferentin
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Originalveröffentlichung

Benoit, R.G., Davies, D.J., & Anderson, M.C.
Reducing future fears by suppressing the brain systems underlying episodic simulation.

Pressemeldung

Vergiss die Zukunft, fürchte dich nicht

16. Dezember 2016

Wir haben die bemerkenswerte Fähigkeit, uns nahezu alle Situationen vorstellen zu können, die uns in Zukunft widerfahren könnten. Das hilft uns, Handlungen zu planen und weitsichtige Entscheidungen zu treffen. Dennoch kann es vorkommen, dass wir uns in Vorstellungen über besonders gefürchtete Situation verrennen. Forscher des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) haben nun gemeinsam mit Kollegen des Medical Research Council an der Universität Cambridge herausgefunden, dass das menschliche Gehirn Zukunftsängste vermindern kann, indem es einzelne Bausteine unserer Vorstellungen unterdrückt. Die Ergebnisse wurden jetzt im renommierten Journal PNAS veröffentlicht.
Mit weniger Angst in die Zukunft: Unser Gehirn kann die Furcht vor schwierigen Situationen mindern, indem es einzelne Bausteine unserer Vorstellungen unterdrückt. © shutterstock<em><br /></em> Bild vergrößern
Mit weniger Angst in die Zukunft: Unser Gehirn kann die Furcht vor schwierigen Situationen mindern, indem es einzelne Bausteine unserer Vorstellungen unterdrückt. © shutterstock
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“Wenn wir uns die Zukunft vorstellen, nutzen wir Bruchstücke und Details verschiedener Erinnerungen und kombinieren diese zu neuen Episoden”, beginnt Roland Benoit, Forschungsgruppenleiter am MPI CBS in Leipzig und Erstautor der zugrunde liegenden Studie, zu erklären. “In vorherigen Untersuchungen haben wir bereits erkannt, dass Menschen unliebsame Erfahrungen unterdrücken und somit aus ihren Erinnerungen löschen können. Nun wollten wir wissen, ob uns dieser Mechanismus auch ermöglicht, unsere Vorstellungen und Ängste vor der Zukunft zu regulieren. Können wir also die Gedankenbausteine gefürchteter Situationen unterdrücken und somit die‚ Zukunft vergessen?”

Um das herauszufinden, fragten die Neurowissenschaftler Probanden nach Situationen, vor denen sie besonders Angst hatten, und von denen sie befürchteten, dass sie ihnen in der Zukunft wiederfahren könnten – sei es, zu erfahren, ungewollt schwanger zu sein oder dass sich die eigenen Eltern scheiden lassen wollen. Anschließend wurden die Probanden an einige dieser Situationen erinnert, jedoch mit der Aufgabe, jegliche Gedanken an die gefürchteten Ereignisse zu blockieren.

Und tatsächlich: Indem sie ihre Angstvorstellungen unterdrückten, vergaßen die Teilnehmer typische Details dieser Situationen. Sie waren außerdem weniger in der Lage, sich die vormals unterdrückten Szenerien detailliert vorzustellen. “Besonders entscheidend dabei ist, dass sich die Teilnehmer auch deutlich weniger vor den zuvor unterdrückten Situationen fürchteten. Das bedeutet, dass wir unsere Ängste reduzieren können, indem wir unsere Vorstellungskraft kontrollieren”, erklärt Michael Anderson von der Universität Cambridge. Jedoch sei es nicht jedem Probanden gleich gut gelungen, seine Zukunftsängste zu regulieren. Menschen, die in ihrem täglichen Leben generell unter stärkeren Ängsten leiden, hätten hier größere Schwierigkeiten. „Das könnte erklären, warum es manchen Menschen besonders schwer fällt, ungewollte Gedanken an die Zukunft auszuschalten – insbesondere jenen, die von Angststörungen betroffen sind“, so der Hirnforscher.

Diese Erkenntnisse spiegelten sich auch in der Gehirnaktivität der Studienteilnehmer wider, gemessen mithilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT). Darin zeigte sich, dass im Wesentlichen die gleichen Mechanismen ablaufen – egal, ob wir zukünftige Szenarien oder ungewollte Erinnerungen unterdrücken wollen. Verantwortlich dafür ist der rechte dorsolaterale Bereich des präfrontalen Cortex. Er stoppt die Aktivität im Hippocampus und dem ventromedialen Teil des präfrontalen Cortex, den zwei entscheidenden Hirnareale, wenn es darum geht, Vergangenes zu erinnern und Zukünftiges vorzustellen. “Es ist unglaublich faszinierend, dass die gleichen Mechanismen uns dabei helfen können, sowohl die Vergangenheit als auch die Zukunft zu vergessen“, so Roland Benoit.

 
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