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Originalveröffentlichung

Tom Fritz, Daniel L. Bowling, Oliver Contier, Joshua Grant, Lydia Schneider, Annette Lederer, Felicia Höer, Eric Busch, and Arno Villringer, "Musical agency during physical exercise decreases pain," Frontiers in Psychology 8, 2312 (2018).

Pressemeldung

Jymmin: Wie wir durch einen Mix aus Sport und Musik weniger Schmerzen spüren

Hoffnung für Schmerzpatienten: Eine neue Fitnessmethode macht uns weniger schmerzempfindlich.

15. Februar 2018

Schmerz ist unangenehm. Als Warnsignal ist er zwar einerseits überlebenswichtig. Andererseits kann er auch Erfolge in Rehakliniken verlangsamen oder in chronischer Form zu einer eigenständigen Erkrankung werden. Wie stark wir ihn empfinden, hängt auch von unserer individuellen Schmerzschwelle ab. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig haben nun erkannt, dass eine von ihnen entwickelte Fitnessmethode unsere Schmerzschwelle erhöht und uns so weniger empfindlich gegenüber körperlichen Qualen macht: das Jymmin, bei dem sich mit klassischen Fitnessgeräten während des Sporttrainings Musik produzieren lässt.

Beim Jymmin werden Fitnessgeräte so modifiziert, dass die unterschiedlich starken Bewegungen an Bauchmuskeltrainer, Zugstange oder Stepper eine große Variation an Töne hervorbringen. <span class="st">©</span> MPI CBS Bild vergrößern
Beim Jymmin werden Fitnessgeräte so modifiziert, dass die unterschiedlich starken Bewegungen an Bauchmuskeltrainer, Zugstange oder Stepper eine große Variation an Töne hervorbringen. © MPI CBS [weniger]

Meist entsteht er akut durch eine Krankheit, Verletzung oder starke körperliche Belastung. Etwa sieben Prozent der Erwachsenen in Deutschland spüren ihn sogar permanent und fühlen sich durch ihn in ihrem Leben beeinträchtigt: Schmerz. Ob Tabletten oder Wärmetherapie, es gibt verschiedene Wege, um ihm zu begegnen. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig haben nun entdeckt, dass eine von ihnen entwickelte Fitnessmethode auch unser Schmerzempfinden beeinflusst: Jymmin, ein Mix aus Sport Gym und freiem musikalischen Improvisieren Jammin, macht uns unempfindlicher gegenüber Schmerzen.

Beim Jymmin werden Fitnessgeräte so modifiziert, dass die unterschiedlich starken Bewegungen an Bauchmuskeltrainer, Zugstange oder Stepper eine große Variation an Töne hervorbringen. Eine am MPI CBS entwickelte Kompositionssoftware und ein dazugehöriges Sensorsystem verarbeiten diese so, dass daraus zeitgleich eine für jeden Sportler und jede Einheit individuelle Begleitmusik entsteht. Die Sportler werden damit zu Komponisten, die Geräte zu ihren Instrumenten.

„Wir haben herausgefunden, dass Jymmin die Schmerzschwelle nach oben verschiebt. Bereits nach zehn Minuten Training auf unseren Jymmin-Geräten, konnten die Studienteilnehmer in einem Schmerztest durchschnittlich zehn Prozent, einige gar bis zu 50 Prozent, mehr Schmerz ertragen“, erklärt Thomas Fritz, Leiter der Forschungsgruppe Musikevozierte Hirnplastizität am MPI CBS. Aus früheren Studien wussten die Neurowissenschaftler zwar bereits, dass sportliche Aktivität generell die Schmerzschwelle steigen lässt. Beim Jymmin war dieser Effekt jedoch deutlich stärker als nach herkömmlichem Kraftsport“, erklärt Fritz. Entsprechend konnten die Teilnehmer ihren Unterarm im Durchschnitt fünf Sekunden länger in einem Grad kalten Eiswasser halten als nach einer Trainingseinheit auf herkömmlichen Sportgeräten.

Den Grund dafür sehen die Wissenschaftler vor allem in einer erhöhten Ausschüttung von Endorphinen während des Jymmins. Diese Hormone wirken als eine Art körpereigener Schmerzhemmer. Je höher ihr Spiegel, desto toleranter sind wir gegenüber Schmerzen. Die Kombination aus körperlicher Verausgabung und Musikmachen scheint dabei besonders effektiv unser Endorphinsystem anzuregen.

Das Interessante dabei: Wie stark sich das Schmerzempfinden durch diese Methode manipulieren lässt, scheint vor allem vom individuellen Schmerzempfinden abhängig zu sein. Die Wissenschaftler hatten die 22 Studienteilnehmer mithilfe von Beschreibungen wie „Als ich einen Nagel in die Wand schlagen will, haue ich mir mit dem Hammer auf den Finger“ und anderer schmerzvoller Szenen innerhalb eines standardisierten Fragebogens in Schmerzklassen eingeteilt. Und es zeigte sich: Die größte Wirkung dieser Trainingsmethode erfuhren die Teilnehmer, die bereits ein weniger ausgeprägtes Schmerzempfinden haben. Die Forscher vermuten, dass bei diesen Teilnehmern generell Endorphine effektiver ausgeschüttet werden als bei schmerzsensibleren.

„Aus diesen Effekten ergeben sich für das Jymmin zahlreiche Einsatzmöglichkeiten“, so Fritz. Zum einen für die Menschen, die an akuten oder chronischen Schmerzen leiden. Gerade in Rehakliniken könnten die Geräte wertvolle Dienste leisten, indem sie die Schmerzen der Patienten verringern und ein effektiveres Therapie-Training ermöglichten. „Sie erreichen im Training schlichtweg später ihre Schmerzschwelle.“ Eine aktuelle Studie an chronischen Schmerzpatienten am MPI CBS deute zudem bereits an, dass Jymmin auch Angstzustände verringern und damit einer der wesentlichen Ursache chronischer Schmerzen entgegenwirken kann.

Zum anderen wären da die Hochleistungssportler, die besonders hohe körperliche Leistungen erbringen wollen und dabei wortwörtliche an ihre Schmerzgrenzen gehen. Und darüberhinaus. „Erste Untersuchungen mit Leistungsschwimmern an einem olympischen Trainingszentrum in Südkorea zeigten, dass die Sportler, die sich unmittelbar vor dem Wettbewerb mit unseren Jymmin-Geräten aufwärmten, schneller schwammen als jene mit herkömmlichen Aufwärmmethoden.“ Tatsächlich schwammen in einem Pilottest fünf der sechs Athleten einige zehntel Sekunden schneller als in vorherigen Durchläufen.

Dass Jymmin generell zahlreiche positive Effekte auf unseren Körper und unser seelisches Wohlempfinden haben, hatten bereits frühere Studien am MPI CBS entdeckt. Sie hatten gezeigt, dass sich dadurch nicht nur der Arbeitsaufwand beim Fitness-Training verringert, sondern auch die persönliche Stimmung und Motivation steigt. Sogar die Musik selbst empfanden sie während des Sports als schöner und begeisterten sich für Musikstile, die sonst außerhalb ihres persönlichen Musikrepertoires liegen.

 
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