Wie „Autobahnen“ im Gehirn kleinen Kindern bei der Pluralbildung helfen
Haben Sie schon einmal beobachtet, wie ein Kind stolz verkündet: „Guck mal, zwei Hünde!“ oder „Das sind aber viele Stuhle!“? Was für uns Erwachsene amüsant klingt, zeigt deutlich, wie schwierig die Bildung des Plurals noch für ein dreijähriges Kind ist. Das Kind hat nämlich bereits verstanden, dass es eine Regel gibt (zum Beispiel wird aus „Hund“ durch das Anhängen eines „e“ die Mehrzahl „Hunde“, verwendet aber noch zusätzlich einen Umlaut ähnlich wie bei dem Plural „Hände“) und man nicht einfach nur ein neues Wort lernt. Denn „Hünde“ wird das Kind bisher bestimmt noch nicht gehört haben, es wendet die Pluralregel nur noch nicht ganz richtig an. Cheslie C. Klein, Philipp Berger, Charlotte Grosse Wiesmann und Angela D. Friederici vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) haben nun in einer Studie untersucht, wie eng die Reifung der Nervenbahnen im Gehirn mit der Fähigkeit der Kinder zusammenhängt, den Plural von Wörtern zu bilden.
- Pluralbildung: Kleine Kinder lernen, wie man Pluralformen bildet, doch sie machen dabei häufig Fehler. Zum Beispiel sagen sie „Hünde“ anstelle von „Hunde“.
- Studie: Forschende vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften untersuchen, wie die Nervenbahnen im Gehirn die Pluralbildung beeinflussen.
- Nervenverbindungen: Der Fasciculus arcuatus verbindet wichtige Gehirnregionen, die für Grammatik und Wortbedeutung zuständig sind. Diese Verbindungen reifen erst später im Leben.
- Ergebnisse: Bei Kindern im Alter von drei Jahren gab es keinen Zusammenhang zwischen Nervenreifung und Pluralbildung. Bei vier- und fünfjährigen Kindern hingegen zeigte sich, dass eine bessere Vernetzung der Nervenbahnen zu korrekterer Pluralbildung führte.
„Bei Erwachsenen wissen wir, dass dafür ganz bestimmte Nervenfaserverbindungen im Gehirn zuständig sind.“, erklärt Erstautorin Cheslie C. Klein. „Wie Autobahnen sorgen sie dafür, dass Informationen blitzschnell von einer Hirnregion zur anderen gelangen und dort gemeinsam Sprache verarbeitet werden kann. Eine Schlüsselrolle spielt dabei der sogenannte Fasciculus arcuatus. Er verbindet das Grammatikzentrum im Frontallappen mit dem Schläfenlappen, in dem Worte und ihre Bedeutung mit den jeweiligen grammatikalischen Regeln zusammengeführt werden. Da diese Verbindung erst relativ spät im Leben voll ausreift, wollten wir in unserer Studie herausfinden: Spielt diese Nervenautobahn bereits im jungen Gehirn eine Rolle, damit Kinder im Vorschulalter den Plural von Wörtern erlernen?“
Für ihre Studie haben die Forschenden insgesamt 120 Kinder im Alter von drei bis fünf Jahren untersucht. Um zu testen, wie gut die Kinder bereits den Plural bilden können, haben diese lustige Sprachspiele am MPI CBS gespielt. Dabei sahen die Kinder Bilder von einzelnen Objekten oder Gruppen (zum Beispiel mehreren Hunden) und wurden gefragt, was dort zu sehen ist. Cheslie C. Klein erklärt: „Der Clou dabei: Den Kindern wurden Wörter gezeigt, die sie bereits kannten, aber auch völlig frei erfundene Wörter – wie zum Beispiel einen ‚Wug‘. So konnten wir prüfen, ob die Kinder die Pluralregel wirklich im Sinn hatten und sie auf die neuen Wörter anwenden konnten – ‚zwei Wugs‘ –, statt nur bekannte Wörter auswendig nachzusprechen.“
Zusätzlich haben sich die Forschenden mithilfe der Magnetresonanztomographie (MRT) die Nervenfaserverbindungen im Gehirn angeschaut. Sie wollten wissen: Hängt die Reife dieser „Autobahnen“ direkt damit zusammen, wie gut ein Kind die Pluralregeln bereits beherrscht? „Unsere Ergebnisse zeigen einen spannenden Wandel in der Entwicklung zwischen drei und vier Jahren.“, erklärt Charlotte Grosse Wiesmann, Leiterin der Gruppe „Meilensteine früher kognitiver Entwicklung“. „Während bei den Dreijährigen noch kein direkter Zusammenhang zwischen der Reife des Fasciculus arcuatus und der Fähigkeit zur Pluralbildung zu sehen war, änderte sich dies bei den Vier- und Fünfjährigen deutlich. Hier stand die Reife dieser Nervenfaserbahn in direktem Zusammenhang mit der korrekten Anwendung der Pluralregeln. Das heißt, je besser vernetzt diese Autobahn war, desto sicherer konnten die Kinder die Regeln anwenden.“ Letztautorin Angela D. Friederici ergänzt: „Anders als bei Erwachsenen war bei den Vorschulkindern nicht nur der Teil des Fasciculus arcuatus wichtig, der zum Sprachzentrum im Frontallappen führt, sondern auch der Teil, der in den sogenannten prämotorischen Kortex reicht. Dieser ist bei Erwachsenen eigentlich eher für das Hören und Nachsprechen von Worten zuständig, eine Fähigkeit, die auch geholfen haben könnte, um den Plural von Wörtern nachzuahmen, statt ihn sich bereits basierend auf abstrakten Grammatikregeln zu erschließen. Die Ergebnisse helfen uns somit zu verstehen, wie Kinder scheinbar mühelos den Meilenstein, dass aus dem ‚Hund‘ mehrere ‚Hunde‘ werden, erreichen können.“













