Minerva-Fast-Track-Forschungsgruppe Meilensteine früher kognitiver Entwicklung

Innerhalb der ersten 4 Lebensjahre entwickeln Kinder bemerkenswerte Fähigkeiten in fast allen Bereichen des Denkens, von Sprache, über Handlung, hin zu sozialen Fähigkeiten. Besonders bedeutend sind diese Entwicklungsschritte im sozialen Bereich. Von den ersten Lebensmonaten an spielen andere Menschen eine große Rolle, sie lenken die Aufmerksamkeit der Säuglinge und helfen ihnen dabei von und über die Welt zu lernen. Schon nach wenigen Monaten können Säuglinge sehr gut vorhersehen, wie die Menschen in ihrem Umfeld sich verhalten werden. Außerdem lernen Kleinkinder in den ersten Lebensjahren auch sich selbst besser kennen, beginnen ihren Körper besser lenken zu können und lernen ihre eigene Perspektive auf die Welt von der Perspektive der anderen zu unterscheiden. Wir erforschen wann und wie sich diese Schritte entwickeln und ab wann Kinder in der Lage sind, sich in andere hinein zu versetzen.

Forschungsmethoden

Diese Fragen erforschen wir mit spielerischen Verhaltensaufgaben, über das Blickverhalten der Kinder und mit neurowissenschaftlichen Methoden wie z.B. Elektroenzephalographie (EEG), funktioneller nah-infrarot Spektroskopie (fNIRS), und Magnetresonanztomographie (MRT). Durch Blickverhalten und neurowissenschaftliche Methoden, ist es häufig möglich, Entwicklungsschritte zu beobachten, bevor Kinder sprachlich oder durch ihre Handlungen ausdrücken können, was sie bereits wissen oder verstehen. Die Kombination der verschiedenen Methoden erlaubt es uns diese Entwicklungsschritte mit der Gehirnentwicklung im frühen Kindesalter in Zusammenhang zu bringen. Für alle Methoden verwenden wir gutbewährte kindgerechte Abläufe und führen Kinder und Säuglinge spielerisch an die Messung heran, so dass sie in der Regel viel Spaß an unseren Studien haben und gerne wiederkommen. Alle von uns verwendeten Methoden werden seit Jahrzehnten in der Forschung und Klinik mit Säuglingen und Kleinkindern eingesetzt und sind gesundheitlich unbedenklich.

Mehr Informationen zu den verwendeten Methoden und Details zur Durchführung von neurowissenschaftlichen Studien mit Kleinkindern und Säuglingen finden Sie hier.

 

Forschungsprojekte

(1)  Verstehen Kleinkinder schon was Andere denken? – Frühe Entwicklung der Theorie des Geistes

Wenn Kinder gefragt werden, was andere Leute denken oder glauben, können sie dies normalerweise nicht richtig beantworten, wenn sie jünger als 4 Jahre sind. Nach traditioneller Auffassung entwickelt sich die Fähigkeit zu verstehen was andere denken, daher erst spät im Vorschulalter und hängt von der Sprachentwicklung ab. Wenn Kinder jedoch nicht explizit gefragt werden, sondern ihre spontanen nonverbalen Erwartungen an das Verhalten anderer beobachtet wird (z. B. in Bezug auf ihr Blickverhalten oder ihre neuronalen Reaktionen), scheinen sie die Gedanken und Überzeugungen anderer viel früher zu berücksichtigen. Das heißt, bereits im ersten oder zweiten Lebensjahr passen Kleinkinder, die noch nicht sprechen können, ihre Erwartungen was andere tun werden daran an, was die anderen denken. Unsere Forschung zeigt, dass es zwei grundlegend unterschiedliche Arten geben könnte, andere Menschen zu verstehen.

Einerseits gibt es einen ausgereiften verbalen Weg zu begründen was andere Menschen denken, der sich erst im späten Vorschulalter entwickelt (bezeichnet als verbale Theorie des Geistes). Andererseits gibt es frühe nonverbale spontane Handlungserwartungen, die auch schon Kleinkinder, die noch nicht sprechen können und vielleicht sogar Menschenaffen haben (bezeichnet als nonverbale spontane Theorie des Geistes)

Ein zentrales Ziel unserer Gruppe ist es, diese sozialen Fähigkeiten besser zu verstehen, wann und wie sie sich entwickeln und welche kognitiven und neuronalen Grundlagen sie haben.

Wir suchen Kinder im Alter zwischen 6 und 20 Monaten und zwischen 3 und 4 Jahren, die gerne an unseren Studien teilnehmen wollen.

Bei Interesse melden Sie sich bitte bei: Ulrike Barth unter 0341 99 40 140 oder per Mail an (gerne unter Angabe Ihrer Telefonnummer und dem Alter Ihres Kindes)

Studienkontakt: Charlotte Grosse Wiesmann ()
Beteiligte Forscher*innen: Charlotte Grosse Wiesmann, Katrin Rothmaler, Clara Schüler, Marie-Luise Speiger, Anna-Lena Tebbe


(2) Auf der Suche nach den Hirn-Netzwerke, die spontane und explizite Perspektivübernahme unterstützen

Das Ziel dieses Projekts ist es, mehr über die Netzwerke im Gehirn zu erfahren, die uns dabei helfen, die Perspektive anderer Menschen zu verstehen. Dabei interessieren wir uns insbesondere dafür, ob bei einer spontanen Perspektivübernahme genau dieselben Netzwerke aktiviert werden, die wir dazu nutzen, uns ganz bewusst Gedanken über die Gedanken Anderer machen. Um diesem Ziel näher zu kommen, führen wir sowohl Studien mit Kindern, wie auch mit Erwachsenen durch. Mit Hilfe von fNIRS und fMRT-Techniken bestimmen wir zunächst die Hirnregionen, die während spontaner und expliziter Perspektivübernahme besonders aktiv sind. Anschließend untersuchen wir mit EEG und strukturellem MRT wie genau diese Hirnregionen miteinander verbunden sind und wann, wie lange und wie oft sie Informationen austauschen. Das sogenannte Diffusions-MRT gibt uns zudem Aufschluss darüber, welche Nervenfaserverbindungen die kommunizierenden Hirnregionen miteinander verbinden. Unsere ersten Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass diese zwei Formen der Perspektivübernahme tatsächlich von unterschiedlichen Netzwerke im Gehirn unterstützt werden, die bestimmten entwicklungsbedingter Veränderungen unterliegen (Vgl. Grosse Wiesmann et al., 2017; Grosse Wiesmann et al., 2020).

Für dieses Projekt suchen wir Kinder im Alter von 3 bis 5 Jahren.

Bei Interesse melden Sie sich bitte bei: Michael Vollmann unter 0341 9940 196 oder per Mail an (gerne unter Angabe Ihrer Telefonnummer und dem Alter Ihres Kindes)

Studienkontakt: Katrin Rothmaler ()
Beteiligte Forscher*innen: Philipp Berger, Charlotte Grosse Wiesmann, Katrin Rothmaler, Marie-Luise Speiger


(3) Visuelle Perspektivübernahme und sozialer Einfluss auf das Gedächtnis

Ein erster Schritt, um herauszufinden, was andere Personen wissen oder denken, ist zu verstehen, was sie sehen und wie sie etwas sehen. Im ersten bis zweiten Lebensjahr beginnen Kleinkinder die (visuelle) Perspektive anderer Personen zu berücksichtigen, um ihre Handlungen hervorzusagen. In diesem Projekt wollen wir untersuchen, wann und wie sich diese Fähigkeit entwickelt. Zusätzlich interessiert uns, wie die Wahrnehmung von Kleinkindern davon beeinflusst wird, was andere sehen oder ob sie etwas zusammen mit einer anderen Person beobachtet und erlebt haben. Um diesen Forschungsfragen nachzugehen, nutzen wir Methoden wie Eye-Tracking und EEG. Damit können wir untersuchen, wie Kleinkinder die visuelle Perspektive anderer verarbeiten und welche Erwartungen sie haben, ohne dass eine verbale oder motorische Antwort nötig ist.  

Für dieses Projekt suchen wir Kinder im Alter von 10 bis 12 Monaten.

Bei Interesse melden Sie sich bitte bei: Ulrike Barth unter 0341 99 40 140 oder per Mail an (gerne unter Angabe Ihrer Telefonnummer und dem Alter Ihres Kindes)

Studienkontakt: Anna-Lena Tebbe ()
Beteiligte Forscher*innen: Charlotte Grosse Wiesmann, Moritz Köster, Katrin Rothmaler, Anna-Lena Tebbe


(4) Entwicklung eines Verständnis von sich Selbst und Anderen

In diesem Projekt wollen wir untersuchen, wie Kleinkinder beginnen, sich selbst und andere zu verstehen. Wie fangen Kleinkinder an, über sich selbst nachzudenken und somit eine Idee von sich selbst zu entwickeln? Beeinflusst dies die Art und Weise, wie Kleinkinder über andere Personen nachdenken und deren Perspektive verstehen? Wir wollen unser Wissen über diese kognitiven Prozesse und deren neuronalen Grundlagen durch die Kombination von Verhaltens- und Bildgebungsverfahren verbessern. Dabei untersuchen wir das Verhalten von Kleinkindern durch spielerische Aufgaben und setzen dies in Beziehung zu entwicklungsbedingten Veränderungen der Gehirnstruktur und Konnektivität durch MRT-Bildgebung.

Für dieses Projekt suchen wir Kinder im Alter von 14 bis 20 Monaten.

Bei Interesse melden Sie sich bitte bei: Michael Vollmann unter 0341 9940 196 oder per Mail an (gerne unter Angabe Ihrer Telefonnummer und dem Alter Ihres Kindes)

Studienkontakt: Clara Schüler ()
Beteiligte Forscher*innen: Charlotte Grosse Wiesmann, Dora Kampis, Clara Schüler, Victoria Southgate


(5) Minimal Agency – Erforschung früher Körperwahrnehmung und Kontrolle

Wann können Kinder kontrollierte Körperbewegungen ausführen? Das Ziel dieses Projektes ist es diese Frage mit Verhaltensstudien zu untersuchen und die Ergebnisse mit theoretischen Debatten zu verknüpfen.

Die Fähigkeit den eigenen Körper wahrzunehmen und zu kontrollieren wird von Erwachsenen oft als selbstverständlich erachtet. Wir werden mit unserer fundamentalen Abhängigkeit von diesen Fähigkeiten nur konfrontiert, wenn diese gestört werden, zum Beispiel im Falle eines Schlaganfalls. Im Gegensatz dazu, wenn wir die ersten Entwicklungsschritte von Babys betrachten, schätzen wir deren Fähigkeit zu Körperwahrnehmung und Kontrolle als eher gering ein. In diesem Projekt untersuchen wir die Entwicklung von Körperwahrnehmung und Kontrolle im ersten Lebensjahr.

Für dieses Projekt suchen wir Kinder im Alter von 6 bis 10 Monaten.

Bei Interesse melden Sie sich bitte bei: Ulrike Barth unter 0341 99 40 140 oder per Mail an (gerne unter Angabe Ihrer Telefonnummer und dem Alter Ihres Kindes)

Studienkontakt: Florian Teichmann ()
Beteiligte Forscher*innen: Charlotte Grosse Wiesmann, Kristina Musholt, Florian Teichmann


 

Ausgewählte Referenzen

Grosse Wiesmann, C.; Friederici, A. D.; Singer, T.; Steinbeis, N.: Two systems for thinking about others’ thoughts in the developing brain. Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America 117 (12), S. 6928 - 6935 (2020)
Grosse Wiesmann, C.; Schreiber, J.; Singer, T.; Steinbeis, N.; Friederici, A. D.: White matter maturation is associated with the emergence of Theory of Mind in early childhood. Nature Communications 8, 14692 (2017)
Grosse Wiesmann, C.; Friederici, A. D.; Singer, T.; Steinbeis, N.: Implicit and explicit false belief development in preschool children. Developmental Science 20 (5), e12445 (2017)
Zur Redakteursansicht