Wer spricht denn da?

Angeborene Phonagnosie erstmals wissenschaftlich nachgewiesen

26. September 2014

Mit einer speziell entwickelten Testbatterie konnte das Team um Katharina von Kriegstein erstmals den wissenschaftlichen Nachweis für die Existenz einer angeborenen Phonagnosie erbringen. Dabei haben vollkommen gesunde Personen von Geburt an Schwierigkeiten, bekannte Personen an der Stimme zu erkennen. Die Ergebnisse der umfangreichen Verhaltenstests ermöglichten darüber hinaus, das neuro-logische Phänomen genau zu beschreiben und künftig eine Phonagnosie diagnostizieren zu können.

Wer nicht in der Lage ist, selbst sehr vertraute Personen anhand ihrer Stimme, beispielsweise am Telefon zu erkennen, könnte von einer Phonagnosie betroffen sein. Über das neurologische Phänomen ist bis heute sehr wenig bekannt.Claudia Roswandowitz, Wissenschaftlerin in der Forschungsgruppe „Neuronale Mechanismen zwischenmenschlicher Kommunikation“ hat über drei Jahre Daten zur Erforschung dieses Defizits gesammelt
und nun die Ergebnisse der Studie in Current Biology veröffentlicht.

„Vor drei Jahren konnten wir unseren eigens entwickelten Online-Test zur Beurteilung der Stimmerkennungs-fähigkeiten freischalten. Seitdem haben mehr als eintausend Probanden diesen Test absolviert und uns damit geholfen, wertvolle Daten zur Erforschung dieses bisher fast unbekannten Phänomens zu sammeln“, sagt Roswandowitz.

Die Wissenschaftlerin konnte mit Hilfe der Daten erstmals exakt belegen, dass es die angeborene Phonagnosie überhaupt gibt. Die bereits nachgewiesene Existenz einer angeborenen Unfähigkeit Gesichter zu erkennen (Prosopagnosie) ließ vermuten, dass es ein solch angeborenes Defizit auch im Bereich der Stimmerkennung geben könnte. Bis zum heutigen Zeitpunkt gibt es erst einen veröffentlichten Fall einer Betroffenen, die angeborene Probleme bei der Stimmerkennung aufwies. Jedoch hatte sie auch Schwierigkeiten bei der Spracherkennung. „Aus diesem Grund blieb es weiterhin unbekannt, ob angeborene Phonagnosie als ein selektives Defizit überhaupt existiert“, erklärt Roswandowitz.

Der Test war so gestaltet, dass ihn freiwillige Probanden über das Internet absolvieren konnten. „Mit dem Online-Test haben wir zunächst potentiell phonagnosische Personen identifiziert“, beschreibt Roswandowitz. „Diese haben wir dann zu uns ins Labor eingeladen und weiter getestet. Dazu gehörte eine ausführliche Verhaltenstestbatterie, ein Hörtest, neuropsychologische Tests und eine Magnetresonanztomographie-Untersuchung.“

In zwei Fällen konnte mit den Tests eine angeborene Phonagnosie nachgewiesen werden. Die Betroffenen zeigten vergleichbare Verhaltensmuster – ausschließlich in den stimmrelevanten Tests hatten sie Probleme. Dahingegen bereiteten ihnen Tests zur Sprach-, Emotionserkennung und Musikverarbeitung sowie zur Gesichtskennung keine Schwierigkeiten. „Unsere Ergebnisse belegen, dass die angeborene Phonagnosie als ein Defizit existiert, bei dem ausschließlich die Stimmerkennung beeinträchtigt ist. Für Betroffene ist es oft schon eine Erleichterung zu erfahren, dass es dieses Defizit tatsächlich gibt und dass es erforscht wird“, berichtet Claudia Roswandowitz.

Die Wissenschaftler suchen weiterhin aktiv nach Phonagnosikern. Ihr Ziel ist es, so viele Probanden wie möglich zu testen, um die neuronalen Mechanismen der Stimmerkennung und Verarbeitung erforschen zu können.

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