Exzellente Sprachforschung global

Von Südkorea nach Deutschland und zurück

19. Juli 2016

Fünf Jahre erfolgreiche gemeinsame Sprachforschung und die gemeinsame Neugier auf viele offenen Forschungsfragen haben es möglich gemacht: Die Gründung einer Partnergruppe der Abteilung Neuropsychologie am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und des Daegu-Gyeongbuk Institute of Science and Technology in der Provinzhauptstadt Daegu im Osten Südkoreas. Ihr Ziel ist es zu verstehen, wie wir Sprache als einzelne Sequenzen verarbeiten und welche Rolle das dafür zuständige Broca-Areal auch für andere geistige Fähigkeiten spielt.

Angela D. Friederici (links) und Hyeon-Ae Jeon.

Dass wir sinnvolle Sätze bilden können, indem wir Wörter nach bestimmten erlernten Regeln kombinieren können, ist eine einzigartige Fähigkeit. Wir verdanken sie unserem Gehirn und insbesondere einer Region, dem Broca-Areal im Stirnlappen unserer Großhirnrinde. Neben dem Wernicke-Areal übernimmt es eine der Hauptrollen in der Sprachverarbeitung und ist dabei vor allem für die Grammatik zuständig.

Doch wie genau funktioniert das, etwas Abstraktes wie Grammatik zu verarbeiten? Das ist eine der zentralen Forschungsfragen, mit denen sich Hyeon-Ae Jeon in den vergangenen fünf Jahren am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in der Abteilung Neuropsychologie beschäftigte. Bereits vor einiger Zeit hatte sie unter der Leitung von Angela D. Friederici herausgefunden, dass wir Sprache in einzelnen Sequenzen verarbeiten – seien es einzelne Wortgruppen, einzelne Wörter oder gar einzelne Silben. Diese ordnen wir unbewusst in bestimmte Hierarchien und erschließen uns so den Inhalt von Sätzen. Für diese Rangordnung innerhalb der Sprache ist wiederum eine spezielle Region innerhalb des Broca-Areals im präfrontalen Kortex zuständig, die die Wissenschaftler kurz als BA 44 bezeichnen. Diese Region hat es den beiden Wissenschaftlerinnen besonders angetan.

Das Interessante dabei: Diese Prozesse gelten unabhängig davon, welche Sprache der Welt wir sprechen. So auch beispielsweise im Koreanischen. „Dieses universelle Verarbeiten von Sprache in Sequenzen zeigte sich in einer unserer zentralen Studien, in der deutsche Muttersprachler innerhalb von drei Tagen die Grundzüge des Koreanischen lernen konnten, ohne jemals zuvor auch nur ein koreanisches Wort gehört zu haben. Sie mussten lediglich die Logik hinter den einzelnen Sequenzen verstehen und konnten so relativ schnell auch einfache Sätze dieser für sie bis dato vollkommen fremden Sprache verstehen“, erklärt Jeon, die selbst in Südkorea geboren und aufgewachsen ist und an der National University Seoul promoviert wurde. Mehrere Jahre lang widmete sie sich am Leipziger Max-Planck-Institut der universellen Architektur von Sprache. Nun wird sie in ihr Heimatland an das renommierte Daegu-Gyeongbuk Institute of Science and Technology zurückkehren und ihre Forschungsarbeit dort fortsetzen – und das in enger Kooperation mit Angela Friederici am Leipziger Max-Planck-Institut.

Denn trotz oder gerade wegen der bereits sehr erfolgreichen Forschungszusammenarbeit treiben die Südkoreanerin und Friederici’s Abteilung noch viele gemeinsame Fragen um: Welche Rolle spielt beispielsweise das Broca-Areal und insbesondere das BA 44 neben seiner Bedeutung für die Grammatik der Muttersprache für die Verarbeitung einer Zweitsprache? Oder gar im Zusammenhang mit ganz anderen kognitiven Fähigkeiten wie Musikhören oder der Wahrnehmung von motorischen Handlungen und Aktionen, die ebenfalls in Sequenzen verarbeitet werden?

Genügend Stoff also für eine weitere erfolgversprechende Zusammenarbeit für die kommenden Jahre und eine Partnergruppe beider Institute. Die Idee hinter einer solchen Partnergruppe ist es, mit einer finanziellen Unterstützung der Max-Planck-Gesellschaft exzellenten Nachwuchswissenschaftlern im Anschluss an ihren Forschungsaufenthalt an einem Max-Planck-Institut die Möglichkeit zu geben, an ein leistungsfähiges Labor in ihrer Heimat zurückzukehren und dort an einem Thema weiter zu forschen, das auch im Interesse des vorher gastgebenden Max-Planck-Institutes steht.

Die Zusammenarbeit mit Südkorea bietet hier die einmalige Möglichkeit, universelle und kulturell bedingt Aspekte der Gehirnprozesse zu erforschen. Während grundlegende und universelle Gehirnprozesse, wie das Verarbeiten von Sequenzen sich unabhängig von Sprache und Kultur im Gehirn nachweisen lassen sollten, würden Unterschiede in den Gehirnaktivitäten eher auf kulturelle Variablen hindeuten.

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