Arabisch-Deutsch für Anfänger: Wie das Gehirn am effektivsten eine neue Sprache lernt

11. Mai 2016

Sprache gilt als Schlüssel zur Integration. Doch wie kann eine neue Sprache am effektivsten gelernt werden und welche Veränderungen finden dabei im Gehirn statt? Diesen Fragen gehen Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und des Herder-Instituts der Universität Leipzig seit Anfang Mai in einer großangelegten Studie mit jungen Syrerinnen und Syrern nach. Die Erkenntnisse könnten nicht nur dazu beitragen, besser zu verstehen, wie das Gehirn eine neue Sprache lernt. Vielmehr könnten sie auch genutzt werden, um Sprachkurse zu optimieren und so schneller sprachliche Barrieren abzubauen.

Zwei Deutschkurse mit arabischen Muttersprachlern, zwei unterschiedliche Ansätze, ein gemeinsames Ziel. Während der eine Kurs seinen Schwerpunkt auf die Grammatik legt, fokussiert sich der andere eher auf den Wortschatz und die Kommunikation. Dadurch wollen die Wissenschaftler herausfinden, wie sich das Gehirn verändert, während wir eine zweite Sprache lernen, und welchen Einfluss die verwendete Lehrmethode auf die Hirnstrukturen hat.

"Du musst nach rechts", signalisiert Hiba ihrem Mitschüler Husam, der ein Schild vor sich hält, auf dem "Leipzig" steht. Vorsichtig schiebt sie ihn zwischen zwei andere Studierende, die ebenfalls Schilder mit einem Satzteil in die Luft halten. "Ich komme aus Syrien und wohne jetzt in Leipzig", liest Hiba schließlich den vollständigen Satz vor, den sie mit Hilfe der anderen Studierenden im Unterrichtsraum des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften (MPI CBS) in Leipzig gebildet hat. Im Nachbarraum eine ähnliche Szene. Nur werden hier nicht Subjekt, Verb und Objekt aneinander gereiht, sondern auf Karten die Wörter "Straße", "Haus" und "Baum" gesammelt – Wörter rund um das Thema "Stadt".

Zwei Deutschkurse mit arabischen Muttersprachlern, zwei unterschiedliche Ansätze, ein gemeinsames Ziel. Während der eine Kurs seinen Schwerpunkt auf die Grammatik, die Syntax, der deutschen Sprache legt, fokussiert sich der andere eher auf den Wortschatz, die Semantik, und die Kommunikation. Durch einen Blick ins Gehirn der Kursteilnehmer mit Hilfe von MRT-Aufnahmen - vor, während und nach dem Kurs - wollen die Wissenschaftler am MPI CBS anschließend herausfinden, wie sich das Gehirn verändert, während wir eine zweite Sprache lernen, und welchen Einfluss die verwendete Lehrmethode auf die Hirnstrukturen hat.

Das menschliche Hirn besitzt eine hohe Plastizität, also die Fähigkeit, sich an die Anforderungen der Umwelt anzupassen. So kann ein Kind jede Sprache der Erde lernen und das Gehirn spezialisiert sich darauf. Die Neurowissenschaftler wollen nun herausfinden, ob diese Zusammenhänge auch für das Erlernen einer zweiten Sprache gelten. "In Studien zum Erwerb neuer Fertigkeiten bei Erwachsenen zeigte sich, dass sich die Großhirnrinde und die Verbindungen im Gehirn durch intensives Training plastisch verändern", so Studienleiter Tomás Goucha. "Wir erwarten daher, dass auch ein umfangreiches Sprachtraining das Gehirn der Teilnehmer entsprechend der Anforderungen der neuen Sprache formt."

Bisher wurde kaum systematisch untersucht, wie sich das Gehirn verändert, während wir eine zweite, unserer Muttersprache vollkommen fremde Sprache erlernen und wie sich die besonderen Merkmale der neuen Sprache darin widerspiegeln – seien es bisher unbekannte grammatikalische Strukturen oder neue Zusammenhänge zwischen Wortbedeutungen.
Der Wechsel zwischen zwei grundlegend verschiedenen Sprachen, zwischen Arabisch und Deutsch, bietet daher ein besonders interessantes Forschungsfeld. "Wir vermuten, dass sich nicht nur die Hirnstrukturen verändern, die durch eine Zweitsprache zusätzlich in Anspruch genommen werden", erklärt der Neurowissenschaftler. "Auch die unterschiedlichen Sprachareale, die jeweils für die Grammatik und für den Wortschatz der eigenen Muttersprache zuständig sind, werden sich vermutlich an die Anforderungen der neuen Sprache anpassen – insbesondere jene Areale, die die komplexe deutsche Grammatik verarbeiten. Und das in Abhängigkeit davon, welche Lernmethode wir benutzen."

Bisher wurde kaum systematisch untersucht, wie sich das Gehirn verändert, während wir eine zweite, unserer Muttersprache vollkommen fremde Sprache erlernen und wie sich die besonderen Merkmale der neuen Sprache darin widerspiegeln – seien es bisher unbekannte grammatikalische Strukturen oder neue Zusammenhänge zwischen Wortbedeutungen.

Untersucht werden diese Zusammenhänge mit Hilfe von sechsmonatigen Intensiv-Deutschkursen am MPI CBS, deren Fokus entweder auf der Grammatik oder dem Wortschatz liegt. Darin werden jeweils 15 junge Syrerinnen und Syrer ohne Deutsch-Kenntnisse, aber mit der Motivation ein Studium in Deutschland aufzunehmen, auf ein hohes Sprachniveau geführt.
Nach drei Monaten und einer zweiten MRT-Aufnahme, werden die Inhalte beider Kurse aneinander angeglichen. Dadurch wird sichergestellt, dass die Teilnehmer beider Lehrmethoden ein gleichermaßen hohes Sprachlevel erreichen, auf dem sie Deutsch eigenständig und kreativ nutzen können.

"Gelingt es uns zu beobachten, wie sich das Gehirn verändert, während es intensiv eine neue Sprache lernt, würden wir besser verstehen, wie eine Zweitsprache gelernt und verarbeitet wird", so Prof. Angela D. Friederici, renommierte Sprachforscherin und Direktorin am MPI CBS. Und Prof. Christian Fandrych, Leiter des Herder-Instituts, ergänzt: "Solche neurowissenschaftlichen Einsichten helfen uns dann nicht nur, Spracherwerbsprozesse im Unterricht besser zu verstehen. Sie regen auch die Diskussion um geeignete Lehr- und Lernverfahren und didaktische Konzepte weiter an." Gerade angesichts der Vielzahl an syrischen Menschen, die im Moment schnellstmöglich Deutsch in entsprechend hohem Niveau lernen möchten, seien solche Studien und die daraus gewonnen Erkenntnisse wichtiger denn je.

In Kürze werden zusätzliche Sprachkurse starten, in die noch Syrerinnen und Syrer aufgenommen werden können. Für weitere Informationen dazu, wenden Sie sich bitte an den Studienkoordinator Matthias Schwendemann.

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