Singen nach Schlaganfall: Rhythmus und Floskeln sind wichtiger als Melodie

Schlaganfall-Patienten mit schweren Sprachstörungen können oft noch ganze Texte singen. Doch entscheidend dafür ist nicht die Melodie.

22. September 2011

Nach einem Schlaganfall leiden Betroffene häufig an schweren Sprachstörungen, sind aber oft in der Lage, ganze Texte zu singen. Forscher am Leipziger Max-Planck-Institut (MPI) für Kognitions- und Neurowissenschaften sind dieser Beobachtung nun auf den Grund gegangen – mit überraschendem Ergebnis: Das Singen selbst war für die untersuchten Patienten gar nicht entscheidend. Eine Schlüsselrolle nahm dagegen der Rhythmus ein. Ebenso wichtig war die Vertrautheit und Floskelhaftigkeit der Liedtexte – unabhängig davon, ob sie gesungen oder gesprochen wurden. Die Erkenntnisse weisen den Weg für neue Therapien bei Sprachstörungen (Brain, 21. September 2011).

Nach einem Schlaganfall in der linken Hirnhälfte leiden die Betroffenen häufig an einem Verlust der Spontansprache, einer sogenannten nicht-flüssigen Aphasie. Teilweise versiegt die Spontansprache dauerhaft. Doch immer wieder gibt es Patienten mit Aphasie, die Liedtexte und sprachliche Alltagsfloskeln fast fehlerfrei singen können. Erklärt wurde diese erstaunliche Beobachtung lange mit der noch intakten rechten Hirnhälfte, die beim Singen wichtige Funktionen unterstützt. Demnach würde der Gesang Areale der rechten Hirnhälfte stimulieren, die dann Funktionen der linken zerstörten Sprachareale übernehme. Auf dieser Annahme beruht etwa die sogenannte Melodische Intonationstherapie.

In früheren Untersuchungen fanden sich bei Patienten, die monatelang Sprachfloskeln wie ‚Alles klar?‘ gesungen hatten, tatsächlich Veränderungen in der rechten Hirnhälfte. „Das ist aber noch lange nicht ausreichend, um dem Singen eine heilsame Wirkung bei Aphasie zuzuschreiben“, sagt Benjamin Stahl, Forscher am MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften. „Die beobachteten Veränderungen könnte man ebenso gut mit den formelhaften Floskeln selbst erklären, denn auch die werden teilweise in der rechten Hirnhälfte verarbeitet.“ Außerdem warnt Stahl vor voreiligen Schlüssen: „Veränderungen in der rechten Hirnhälfte müssen nicht unbedingt die Ursache sein, wenn sich die Artikulation der Patienten verbessert.“

Um herauszufinden, ob und auf welche Weise das Singen wirkt, führten Stahl und Kollegen eine Studie durch, in der 17 Schlaganfall-Patienten mit nicht-flüssiger Aphasie einige tausend Textsilben artikulierten. Dabei sangen und sprachen die Patienten die Silben jeweils mit rhythmischer und unrhythmischer Begleitung. Die Forscher verwendeten dafür Texte mit sehr ähnlichen sprachlichen Eigenschaften, die sich in ihrer Vertrautheit und Floskelhaftigkeit jedoch stark unterschieden.

Abbildung 1: Ausschnitte aus den verwendeten Texten: Vertraute Liedtexte (‚Hänschen klein...‘), floskelhafte Ausdrücke (‚Guten Tag...‘) und eigens für die Studie entwickelte, also weder vertraute noch floskelhafte Texte (‚Heller Wald...‘), wurden gesungen und mit rhythmischer oder unrhythmischer Begleitung gesprochen.

Audiobeispiel(Ausschnitte):
Die Patienten sangen und sprachen zu Tonaufnahmen vom Band. Damit kontrollierten die Forscher die Versuchsbedingungen, etwa das Tempo.

Zur Redakteursansicht