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Spiegelbild der Sprache - Neurokognition von Musik

Es war 1958, als ein Team von Anthropologen das Volk der Anang Ibobo im Herzen Afrikas besuchte. Und die Forscher waren verblüfft: Schon Dreijährige konnten allein oder gruppenweise hunderte verschiedene Lieder singen. Selbstverständlich brillierten die Knirpse auch auf diversen Trommeln und im Tanz. Musik und Sprache, das vermochte bei den Anang Ibobo keiner zu trennen.

Es war 1933, als Maurice Ravel zuerst fehlerhaft zu buchstabieren begann. Dann konnte er nicht mehr lesen und schließlich nicht einmal mehr seinen Namen schreiben. Obwohl eine neue Oper, wie er sagte, "in seinem Kopf" herum schwirrte, brachte er kein Werk mehr zustande. Niemand hat je herausgefunden, welche Hirnregionen des Komponisten zerstört waren.

Nachdem im MPI für Kognitions- und Neurowissenschaften die neuronale Sprachverarbeitung in extenso aufgeklärt wurde, erkundet die von Angela D. Friederici 1 gegründete Arbeitsgruppe "Neurokognition von Musik" seit 1998 das Pendant. Denn Musik und Sprache sind beides Mittel der Kommunikation. Beide hängen ab von hoch organisierten Variationen in Tonhöhen, Betonung und Rhythmen. Beide sind reich an "Harmonien" - jenen Obertönen einer Grundfrequenz, die Resonanz und Reinheit verleihen. Beide besitzen komplexe Zeichensysteme, die Botschaften verschlüsseln und weitergeben. Musik hat demnach wie die Sprache ein Regelwerk der Grammatik, der Syntax. In der Musik der westlichen Welt etwa folgt auf den Grundton, die Tonika, oft eine Dominante vor einer weiteren Tonika. Zuweilen schiebt sich vor die Dominante eine Subdominante - aber nie dahinter. Einige Musiktheoretiker sprechen gar von einem musikalischen "Ur-Satz". Eine Notenfolge, die nach dem Zufallsprinzip auf einem Klavier geklimpert wird, erzeugt Töne, die allenfalls das Attribut Geräusch verdienen. Musik anderer Kulturen unterscheidet sich in ihrer Harmonik lediglich durch die Art des Regelwerks, aber nie dadurch, dass es fehlen würde.

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Indizien zuhauf. Doch wenn Musik und Sprache wirklich Geschwister im Geiste sind, müsste sich das in den beteiligten Netzwerken im Gehirn widerspiegeln. Um diesen auf die Spur zu kommen, bekamen erwachsene Testpersonen im Leipziger MPI Sequenzen aus fünf Akkorden zu hören, die zu einem Schlussakkord führen und im Grunde einem gesprochenen Satz entsprechen. Doch gelegentlich störten unerwartete Akkorde die musikalische Harmonie der Sequenzen - manchmal sehr deutlich, wenn sie etwa von einem anderen Instrument als zuvor gespielt wurden. Zuweilen aber mischten die Forscher um Stefan Koelsch2 so genannte Neapolitanische Akkorde ein, die nur auf das geübte Ohr eines Profimusikers im Zusammenhang der präsentierten Sequenzen befremdlich wirken. Die Dissonanzen sollten vor allem jene Hirngebiete aktivieren, die mit einer möglichen "Grammatik" der Musik zu tun haben. Bei den Experimenten wurden die Gehirnaktivitäten der Testpersonen mit der funktionellen Magnetresonanz-Tomographie oder der Magnetenzephalograhie beobachtet. Die Ergebnisse sind überraschend: Fast alle Hirnregionen, die Sprache prozessieren, sind auch bei der Musikverarbeitung aktiv. Die Forscher haben es fast mit einem exakten Spiegelbild zu tun. Vor allem das dem Broca-Areal entsprechende Gebiet leuchtete grell-bunt auf, daneben auch das rechtshomologe Wernicke-Areal im Schläfenlappen und etliche andere Bereiche, die mit Sprache in Verbindung stehen. Der Wohlklang eines Mozarts oder die Beats der Techno-Jünger rufen auch die klassische Sprachmaschinerie der linken Hirnhälfte auf den Plan - allerdings nicht so stark wie auf der anderen Seite. Die liebgewonnene Spaltung "Sprache links, Musik rechts" scheint nicht mehr zu gelten. Nach den Ergebnissen des Teams um Stefan Koelsch 2 laufen Musik - und Sprachverarbeitung im Gehirn in den denselben Schaltkreisen - nur mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Weitere Studien untermauern die These. Die Leipziger Wissenschaftler spielten dieselben mehr oder weniger "gestörten" Akkordfolgen etlichen Testpersonen vor, während ein Elektroenzephalograph (EEG) ihre Hirnströme aufzeichnete. Tatsächlich reagierte vor allem das rechte Broca-Areal schon nach 180 bis 200 Millisekunden auf Verletzungen der musikalischen Grammatik mit einem typischen Ausschlag, kurz ERAN (für early right anterior negativity). Dieses Bild entspricht auffallend der so genannten ELAN, mit der das Gehirn auf Verstöße der sprachlichen Grammatik "protestiert".

 
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